Syrien Apokalypse und Auflösung

25/08/2012 Reportage 0 Comments

Im Bürgerkriegsland wird gewalttätiger gekämpft denn je. Gleichzeitig weichen die Fronten auf. In den Dörfern bilden sich erste politische Komitees der Opposition gegen den Diktator Assad.

Seit Minuten kreist der Kampfhubschrauber hoch über uns wie ein zorniges Insekt in der Mittagshitze. Der Pilot scheint etwas zu suchen zwischen den Feldern und Gehöften. Aus der Deckung einer Baumgruppe ist zu sehen, wie der Hubschrauber ein paar hundert Meter entfernt plötzlich herabstößt, vier Raketen abfeuert und noch eine Runde dreht, die Seite leicht geneigt, damit der MG-Schütze in die reifen Weizenfelder feuern kann, bevor er im milchigen Dunst des Horizonts verschwindet.


Von Christoph Reuter und Vedat Xhymshiti — Der Spiegel • Dünne Rauchwolken steigen auf, ein Feld brennt, und elf etwas benommene Kämpfer der “Freien Syrischen Armee” (FSA) kommen aus einem Haus auf die Straße, in der säuberlich nebeneinander drei Einschlagkrater rauchen. Die vierte Rakete traf die massive Steinmauer des Grundstücks. Keine aber traf das Haus, keine das auffällige Fahrzeug der Gruppe, das danebenstand. Der Kommandeur bittet, es nicht näher zu beschreiben, “wir haben kein anderes”.

A baby boy cries out of terror being his Father Abd Alrahman Abbas from Mare, around 29yrs, father of three children, two son and one daughter, who was reportedly killed by ‘Shabeeha’ the Syrian state secret agents in the checkpoint between Ertan and Aleppo province, the Syria's restive northern countryside. Mr. Abbas was buried immediately on Sunday, June 10, 2012 as he is declared as the martyr of the revolution in Mare, the northern sub-urb city of Aleppo province. [Vedat Xhymshiti, for Der Spiegel]

Aleppo: Alle sind sich sicher, dass es zu Ende geht, aber keiner weiß, wie, von Vedat Xhymshiti, Der Spiegel

Sie nutzen denselben Transporter seit sechs Monaten. “Der Pilot muss ihn gesehen haben”, sagt Chal, der Anführer, der eigentlich Innendekorateur ist: “Warum sonst hat er hierhin gefeuert? Aber warum daneben?” Einige werden am Abend von der schützenden Hand Gottes sprechen, aber eher hatte der Pilot wohl seine Gründe, die Männer nicht zu töten. Und zugleich die Botschaft zu hinterlassen: Ich weiß, dass ihr da drin seid!

Letztlich weiß niemand, was in ihm vorgegangen sein mag an diesem 10. Juni über dem Dorf Harbal bei Aleppo, der Metropole Nordsyriens. Aber Chals Männer wissen, dass sie nun tot wären, hätte er anders entschieden. In Schlangenlinien fahren sie davon.

Es ist ein seltsamer Moment in dieser Mischung aus Alptraum und Auflösung in Syrien. Nach 15 zermürbenden Monaten des Aufstands gegen die Diktatur, einem Aufstand, der zum Krieg geworden ist, gibt es kein einheitliches Bild der Lage im Land mehr.

Auf der einen Seite steht die Apokalypse: Milizen des Regimes ziehen mordend durch Dörfer, flankiert von Regierungstruppen und den Männern der “Sicherheitsdienste”, die Befehle erteilen. Die vergangene Woche erschienenen Berichte der Uno und von Amnesty International schildern Folter, Hinrichtungen und den Einsatz von Kindern als menschliche Schutzschilde.

Mehrere vom SPIEGEL unabhängig voneinander befragte Ärzte und Pfleger zweier Militärkrankenhäuser berichten von der Ermordung verletzter Patienten. Und von Leichen der Gefolterten in den Kühlräumen, denen Ohren und Nase abgeschnitten worden waren.

Im Norden, von der Artillerieschule Aleppos aus, werden Dörfer in Reichweite der Geschütze seit Anfang Juni wahllos unter Beschuss genommen sowie von Hubschraubern und Kampfjets angegriffen. Allein in den Tagen um den 10. Juni sterben nördlich von Aleppo zwei Dutzend Zivilisten – ebenso wie mehrere Soldaten und Kämpfer beider Seiten im Gefecht.

Syrische Jugendliche protestieren in Aleppo. [Von Vedat Xhymshiti, Der Spiegel]

Syrische Jugendliche protestieren in Aleppo, von Vedat Xhymshiti, Der Spiegel

Aber zugleich zielt ein Pilot daneben, desertieren Soldaten, die niemand mehr aufhält, dreht sich hinter der Kulisse der Kämpfe ein Räderwerk diskreter Warnungen und Absprachen, zahlen die Unternehmer in Aleppo an das Regime und an die Aufständischen, entführt die FSA Offiziere und Angehörige der Folterkommandos, um sie gegen Gefangene auszutauschen. Der Terror des Regimes führt zur Auflösung seiner Macht.

Alle sind sich sicher, dass es zu Ende geht, aber keiner weiß, wie. Der Staat hat schon vor Monaten aufgehört zu existieren in der Ebene von Maraa, den Dörfern und Weizenfeldern zwischen Aleppo und der türkischen Grenze. Gelegentlich schickt er noch erratische Meldungen wie jene von Ende Mai, dass Bauten ohne Genehmigung rückwirkend legalisiert würden, ansonsten schickt er Granaten.

Doch während im Süden und Westen der Ebene die Bewohner aus dem Radius der Geschütze fliehen, während die SPIEGEL-Reporter im Ort Aasas erleben, wie Hubschrauber wahllos in Wohnhäuser feuern und Scharfschützen der Armee von den Minaretten der zentralen Moschee aus die halbe Stadt terrorisieren, treffen sich nur wenige Kilometer entfernt im Dorf Dabik die Abgesandten von neun Ortschaften, um zum ersten Mal in ihrem Leben über das Syrien der Zukunft zu debattieren.

Im verwaisten Büro der einst nominell herrschenden Baath-Partei kommen 32 Männer zusammen: mehrere Lehrer, ein Ingenieur, zwei Bauarbeiter, ein Fotograf, ein Ex-Polizeioffizier, zwei desertierte Soldaten, ein Arbeitsloser, ein paar Studenten. “Was wollen wir?”, lautet die Frage, die in Variationen durch den Abend mäandert: Einen islamischen Staat? Eine Bürgerrepublik? Überhaupt einen Staat? Wo es doch “ohne ihn im Moment leichter ist als unter der Diktatur”, wie einer in der Runde befindet.

Sie haben nicht viel gesehen von der Welt, aber kennen die Horrorgeschichten irakischer Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg. Manche waren als Gastarbeiter im Libanon, erzählen davon, wie sich die religiösen Lager dort gegenseitig blockieren. Alle sind sich einig: “Wir brauchen eine zivile Verfassung.” Parlamentskandidaten sollten nach Leistung, nicht nach religiöser Herkunft ausgewählt werden. Ein Präsident nicht länger als acht Jahre amtieren dürfen.

“Und jeder Amtsträger muss seine Vermögensverhältnisse offenlegen”, fordert der Ex-Polizeioffizier, “wir müssen aufpassen, dass die ehrlich bleiben.”

Ins Stocken gerät der zarte Aufbruch, als einer die Frage aufwirft, ob die einzige alawitische Familie einer Lehrerin, die vor Monaten fortgegangen ist, zurückkommen sollte.

“Natürlich”, beteuern die einen, “sie hat doch niemandem etwas getan!” Härte in den Gesichtern der anderen: “Sie haben zu viel Blut an den Händen.” Nicht die Lehrerin, nein, aber “… die anderen”.

Es gibt keine Einigung. Ebenso wenig über eine andere Frage, über die nicht nur an diesem Abend, sondern von Daraa im Süden bis hierher seit Monaten gestritten wird: “Wir sind der FSA sehr dankbar, dass sie uns beschützt”, versucht es einer diplomatisch, “aber wir wollen nicht, dass sie die Macht übernimmt!” Der Soldat ist beleidigt.

Da sei ein Unbehagen über die rasant wachsende Macht der Kämpfer, wird Jassir al-Hadschi, der Moderator des Abendexperiments, auf dem Rückweg nach Maraa erzählen: “Wir brauchen sie, unbedingt, und wir fürchten sie.” Bis Ende August vergangenen Jahres sei die Staatssicherheit nach Belieben in den Ort gekommen, um Menschen zu verhaften. Nun komme nicht einmal mehr die Armee nach Maraa, die am 10. April ein letztes Mal einrollte, Häuser niederbrannte, Hadschis Café mit MG-Salven verwüstete und nach einem halben Tag wieder abzog – die Panzer beladen mit Teppichen, Matratzen, Kühlschränken. Graffiti standen an den Mauern, darunter: “Ihr braucht keine Freiheit, sondern eure Mutter muss mal wieder gefickt werden!” Gezeichnet: “S.M.F.” Syrian Military Forces.

Sitzung eines politischen Komitees in Dabik: „Wir brauchen eine zivile Verfassung“ [Vedat Xhymshiti, Der Spiegel]

Sitzung eines politischen Komitees in Dabik: „Wir brauchen eine zivile Verfassung“ von Vedat Xhymshiti, Der Spiegel

Ein letzter Gruß des Staates, dessen Repräsentation nun Kommandeur Chal, der Innendekorateur, und andere lokale Führer der FSA langsam übernehmen. Das “Komitee der Sozialdienste”, das den Dieselpreis kontrolliert, die Feuerwehr, die Stadtverwaltung: alles Teil der neuen Armee, über deren Namen sich Hadschi mokiert: “Freie Armee, aber was soll das heißen, frei? Frei, zu tun, was sie wollen?”

Es ist eine Gratwanderung, und kaum irgendwo wird sie deutlicher als im improvisierten Gefängnis von Maraa, einem ehemaligen Verwaltungsgebäude. Dem Ort, wohin vor allem jene gebracht werden, die gefoltert, getötet, vergewaltigt haben. Die man entführt oder festgenommen hat, je nach Blickwinkel, nachdem sie von Zeugen, durch Videos oder Fotos belastet wurden.

Ein übergelaufener Feldwebel und Hüne mit Spitznamen Dschanbu ist hier verantwortlich. Nach langen Verhandlungen dürfen wir die beiden Gefangenen sehen: einen Schabiha-Spitzel, der als Philosophiestudent seine Kommilitonen an die Geheimdienste verriet, und einen Soldaten, der weibliche Gefangene vergewaltigt, männliche mit Knüppeln erschlagen haben soll.

Doch zuvor mündet eine Erklärung Dschanbus, dass man ein Rechtssystem aufbauen wolle, in dem kurzen Resümee: “Letztlich können wir sie nur freilassen oder töten.” Ungefähr hundert seien in sieben Monaten freigelassen worden.

  • “Und getötet?”
  • “Wenige.”
  • “Wie viele?”
  • “Sehr wenige.”
  • “Werden die Gefangenen geschlagen?”

“Nein. Also, na ja, nur Falaka”, schmerzhafte Schläge mit einem Stock auf die Fußsohlen. “Auch Elektroschocks?”, fragt ein mitgekommener Syrer beiläufig. Dschanbu explodiert: “Nein! So was machen wir nicht! Wir sind nicht wie die, wir foltern nicht!”

“Aber was ist denn Falaka, wenn nicht Folter?” Er schaut einen Moment ruhig, sammelt sich: “Weißt du, was sie mit mir gemacht haben? Nicht nur Falaka.” Dschanbu wurde monatelang vom Luftwaffengeheimdienst mit Schlägen und Stromstößen malträtiert, “bis ich nicht mal mehr meine Pisse kontrollieren konnte”. Dass er freikam, verdankt er einem gefangenen alawitischen Oberst, der gegen ihn ausgetauscht wurde.

Ein schmächtiger Mann wird in den Aufenthaltsraum des Gefängnisses geführt. Er ist 21, aus Hasaka im Nordosten, er nennt seinen Namen und sagt, er sei im vergangenen Sommer bei den Angriffen der Armee auf die Städte Dschisr al-Schughur und Idlib dabei gewesen.

Er weiß, was damals passiert ist, er beginnt zu erzählen. Kein Journalist kann vollständig überprüfen, ob er die Wahrheit sagt oder nur durch Geständigkeit seine Haut retten will.

Doch seine Angaben sprechen für die Richtigkeit des Geschilderten. Er kennt auf Nachfrage die taktischen Details der Angriffe, er kann im Detail beschreiben, wie die Zuckerfabrik von Idlib innen aussah: das Folterzentrum der Armee, das vor einem Jahr Hunderte Menschen lebend betraten, die seither verschwunden sind.

Niemand mischt sich ein, über Stunden geht es um kleinste Details, in der Summe deckt sich seine Erzählung mit den Aussagen anderer Zeugen.

“Der Oberst des Militärgeheimdienstes wählte mich und 14 andere aus für die Operation ,Belohnung’, aber es war ein Befehl.”

  • “Was verbarg sich dahinter?”

“Ein Befehl. Wir sollten die Frauen vergewaltigen, die sie hereinbrachten. Beim ersten Mal waren es drei, sie wurden zuvor betäubt. Die Sicherheitsleute zogen sie aus, haben sie als Erste vergewaltigt. Dann waren wir dran, in zwei Schichten, und die Männer von der Sicherheit haben zugeschaut. Sie haben gesagt, sie erschießen uns, wenn wir es nicht tun.”

  • Wie konnte er da Sex haben?

“Das erste Mal war es schwierig, aber danach ging es.” Die Frauen seien jung gewesen, so ausgewählt, dass keine Verwandten mitgefangen waren, die nach ihnen hätten fragen können.

  • “Und dann?”
  • “Wurden sie weggebracht.”
  • “Wohin?”
  • “Weg.”

Elfmal sei er dabei gewesen, “erst suchten sie Frauen unter den Gefangenen aus, dann nahmen sie welche an den Checkpoints mit”.

“Und die Männer?”

“Je 20 von ihnen wurden in einen Raum gebracht, wir waren 150 mit Knüppeln. Der Oberst sagte, jene, über die es eine Akte gebe, wolle er lebend haben. Die anderen sollten wir bis zum Ende schlagen.”

  • “Und dann?”
  • “Ja.”
  • “Was geschah dann?”
  • “Haben wir sie bis zum Ende geschlagen. Bis sie tot waren.”
Kommandeur der Freien Syrischen Armee in Maraa: „Wir foltern nicht“ [Vedat Xhymshiti, Der Spiegel]

Kommandeur der Freien Syrischen Armee in Maraa: „Wir foltern nicht“ von Vedat Xhymshiti, Der Spiegel

Ein Gericht werde über ihn urteilen, sagen seine Wächter. “Man katal, juktal”, zitieren sie das Verdikt der Geistlichen: Wer getötet hat, wird getötet. Warum das unmenschlicher sein soll, als im Kampf zu töten, können sie nicht nachvollziehen.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Sonst hätten sie den Mann längst erschossen. Sie erleben ja selbst, welche Reaktionen die Gewalt der anderen Seite bei ihnen auslöst. “Wir dürfen nicht mit Leichtigkeit töten”, sagt Jassir und erklärt, warum sie im Dorf nebenan eine Familie dulden, deren drei Söhne sich als Schabiha-Söldner verdingten: “Wir hatten gehofft, dass sie einfach aufhören würden.”

Ein Posten der FSA verlangt ihre Ausweise. Es kommt zum Streit, zwei der Schabiha-Männer ziehen Pistolen, aber die Freie Syrische Armee ist schneller und tötet sie. Der dritte will eine Handgranate in einen halbvollen Minibus werfen, ein Mann neben ihm versucht, ihn festzuhalten. Der Söldner stopft ihm die Handgranate ins offene Hemd, reißt den Sicherungsstift heraus und springt im letzten Moment zur Seite. Die Explosion zerreißt den völlig Unbeteiligten in Stücke. Es braucht später einen ganzen Eimer Sand, um abzudecken, was sie nicht zu Grabe tragen.

Doch in der Eile haben sie so viel übersehen, dass jemand eine leere Kleenex-schachtel aufhebt und einzusammeln beginnt, was über die ganze Kreuzung verstreut liegt: Knochensplitter, Eingeweide, etwas Hirn, das er behutsam mit einem Taschentuch vom Asphalt tupft. Ein anderer verspricht, die volle Schachtel zum Friedhof zu bringen. Beim Aufbruch kommt ein Greis, der still mitgesucht hatte, nun ein Fragment vom Schädel festhält und nicht weiß, wohin damit.

Alle sind in Eile, fahren davon, irgendwo in der Ferne wird schon wieder geschossen, und so bleibt der alte Mann allein in der Mitte der Kreuzung stehen. Stumm schaut er den anderen nach, ein Stück Schädeldecke wie zum Gruß in der erhobenen Hand.


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